Ausgabe 28.08.2026
Euro Gazette

Fachpresse für Handel und Distribution · DACH

Logistik··4 min

Neue Kreislauf-Allianz zwingt Textil‑ und Modebranche zu EPR‑Umstellung

Der Handelsverband Deutschland und der Gesamtverband textil+mode haben ein Bündnis für textile Kreisläufe gegründet. Unternehmen müssen sich jetzt auf Gebühren für die Entsorgung und umfangreiche Systemanpassungen einstellen.

Annika Vogt

Was sich ändert

Ab dem nächsten Geschäftsjahr wird in Deutschland für alle Inverkehrbringer von Textilien und Schuhen – also Hersteller, Importeure und Händler – eine erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) gelten. Das bedeutet, dass neben der klassischen Produktverantwortung nun auch die spätere Entsorgung finanziell mitgetragen werden muss. Die neu gegründete „Allianz für textile Kreisläufe“ von HDE und Gesamtverband textil+mode hat das Ziel, die Ausgestaltung dieses EPR‑Systems praxisnah zu begleiten und die EU‑Vorgaben in ein deutsches Gesetz zu überführen. Unternehmen erhalten damit einen Rahmen, in dem sie verpflichtet werden, Gebühren für die Sammlung, Sortierung und das Recycling von Altkleidern und Alt­schuhen zu zahlen. Gleichzeitig sollen sie aktiv an der Systemgestaltung mitwirken, um eine transparente Kostenverteilung und faire Wettbewerbsbedingungen zu gewährleisten.

Die Einführung des EPR‑Systems wird nicht nur die finanzielle Belastung verändern, sondern auch die gesamten Geschäftsprozesse entlang der Wertschöpfungskette. Lieferanten müssen künftig Produktdaten für die spätere Rückverfolgbarkeit bereitstellen, Logistikdienstleister erhalten neue Aufträge für die Abholung und das Recycling, und Einzelhändler müssen Rücknahmesysteme in ihren Filialen etablieren. Zusätzlich wird ein zentrales Register erwartet, in dem alle in Verkehr gebrachten Artikel erfasst werden. Dieses Register dient als Basis für die Berechnung der Entsorgungsgebühren, die sich nach Menge, Materialart und eventuell nach regionalen Recyclingquoten richten können. Die Allianz betont, dass das System unbürokratisch und effizient sein soll, doch die praktische Umsetzung erfordert umfangreiche Anpassungen in IT, Reporting und operativen Abläufen.

Was es kostet

Der Gesetzesentwurf sieht vor, dass die Gebühren für die Entsorgung von Textilien und Schuhen von den jeweiligen Inverkehrbringern getragen werden. Konkrete Zahlen zu den Gebühren wurden von den Verbänden noch nicht veröffentlicht. Stattdessen wird erklärt, dass die Kosten nach einem verbrauchs‑ und materialbezogenen Modell berechnet werden sollen, das sich an den tatsächlichen Recycling‑ und Verwertungsaufwänden orientiert. Unternehmen können also mit variablen Kosten rechnen, die je nach Produktmix, Menge und Recyclingfähigkeit stark schwanken können. Die Verbände betonen, dass die Gebühren transparent und verursachergerecht sein sollen, sodass Unternehmen ihre Preisgestaltung und Margenplanung entsprechend anpassen können. Ohne veröffentlichte Zahlen bleibt jedoch unklar, ob die Kosten pro Kilogramm, pro Stück oder nach anderen Kriterien berechnet werden – ein Aspekt, den Unternehmen bereits jetzt in ihre Finanzplanung einbeziehen sollten.

Da keine konkreten Gebühren veröffentlicht wurden, müssen Unternehmen mit einem gewissen Unsicherheitsfaktor rechnen. Die Kostenmechanik wird voraussichtlich über ein zentrales Abrechnungssystem laufen, das von einer von der Allianz koordinierten Stelle betrieben wird. Unternehmen sollten daher mit zusätzlichen administrativen Aufwänden rechnen, etwa für die regelmäßige Meldung von Verkaufszahlen, die Berechnung ihrer Entsorgungsanteile und die Zahlung der fälligen Beiträge. Diese Aufwände können intern zu Mehrarbeit im Controlling und in der Logistik führen und externe Beratungskosten nach sich ziehen, wenn spezialisierte Dienstleister für die Systemintegration oder das Reporting hinzugezogen werden.

Was dabei kaputtgeht

Die Einführung eines EPR‑Systems stellt bestehende IT‑ und Logistik‑Infrastrukturen vor erhebliche Herausforderungen. Viele Unternehmen nutzen derzeit ERP‑Systeme, die keine Schnittstellen für die Erfassung von Entsorgungsdaten oder für die Kommunikation mit einem zentralen Register besitzen. Die Migration zu einer erweiterten Datenbasis erfordert daher häufige Systemanpassungen, die zu temporären Ausfallzeiten führen können, insbesondere wenn Datenmigrationen in produktiven Umgebungen stattfinden. Darüber hinaus müssen bestehende Lieferketten‑ und Retourenprozesse neu strukturiert werden, um die Rücknahme von Altkleidern und Alt­schuhen zu ermöglichen. Dies kann zu Engpässen in den Lagern führen, wenn Rücknahmesysteme nicht rechtzeitig implementiert sind.

Ein weiterer kritischer Punkt ist die Schulung des Personals. Logistikmitarbeiter, Vertriebs‑ und Einkaufsteams sowie die Finanzabteilung müssen die neuen Reporting‑Pflichten verstehen und korrekt ausführen. Fehlende Schulungen können zu fehlerhaften Meldungen, falschen Gebührenabrechnungen und letztlich zu Bußgeldern führen. Auch externe Partner wie Logistikdienstleister und Recyclingunternehmen müssen in die neuen Prozesse eingebunden werden, was zusätzliche Koordinations‑ und Kommunikationsaufwände bedeutet. Schnittstellen zu bestehenden Systemen, etwa für die Bestands‑ und Auftragsverwaltung, müssen neu programmiert oder angepasst werden, was wiederum das Risiko von Dateninkonsistenzen erhöht.

Was ein Wechsel verlangt

Ein erfolgreicher Wechsel zu dem neuen EPR‑System erfordert ein koordiniertes Projekt, das mehrere Fachbereiche einbindet. Zunächst muss ein Lenkungsgremium aus Geschäftsführung, Einkauf, Logistik, IT und Recht eingerichtet werden, das die strategischen Entscheidungen trifft und die Ressourcen bereitstellt. Die Analyse der bestehenden Prozesse und Systeme sollte innerhalb von drei bis vier Monaten abgeschlossen sein, um den Umfang der notwendigen Anpassungen zu bestimmen. Anschließend folgt die Auswahl und Implementierung einer passenden Software‑Lösung – entweder durch Erweiterung des bestehenden ERP‑Systems oder durch Integration einer spezialisierten EPR‑Plattform. Die technische Umsetzung kann je nach Komplexität sechs bis zwölf Monate dauern, wobei Testphasen und Pilotprojekte eingeplant werden sollten, um Ausfallrisiken zu minimieren.

Parallel zur technischen Umsetzung müssen Schulungsprogramme für die betroffenen Mitarbeitenden entwickelt und durchgeführt werden. Dies umfasst Workshops für das Reporting, Trainings für die Logistikmitarbeiter zur Handhabung von Rücknahmesystemen und Informationsveranstaltungen für das Controlling, um die neuen Kostenstrukturen zu verstehen. Die Kommunikation mit externen Partnern – insbesondere Recyclingunternehmen und Logistikdienstleistern – sollte frühzeitig erfolgen, um Schnittstellen und Service Level Agreements abzustimmen. Abschließend ist ein Monitoring‑Mechanismus nötig, der die Einhaltung der Meldepflichten prüft und die Kostenentwicklung transparent macht. Unternehmen, die diese Schritte konsequent umsetzen, können die Einführung des EPR‑Systems ohne größere Betriebsunterbrechungen bewältigen und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Markt sichern.