Ausgabe 28.08.2026
Euro Gazette

Fachpresse für Handel und Distribution · DACH

Beschaffung··3 min

Robuste Lieferketten beginnen beim Bauteil – Was Beschaffer wissen müssen

Ein Fokus auf die Bauteilebene erhöht die Resilienz von Lieferketten. Wir beleuchten Kosten, Risiken und den Aufwand eines Umstiegs für die Beschaffung.

Katrin Ostermann

Was sich ändert

Traditionell konzentrieren sich Unternehmen bei der Absicherung von Lieferketten auf Zulassungen, Sicherheitsanforderungen, Exportkontrollen und die Qualifizierung von Hauptlieferanten. Der neue Ansatz erweitert diesen Fokus auf die Ebene einzelner Bauteile und deren Unterlieferanten. Das bedeutet, dass nicht mehr nur der direkte Lieferant, sondern auch jeder vorgelagerte Produzent, der ein kritisches Teil liefert, in die Risiko‑ und Qualitätsbewertung einbezogen wird. Durch den Einsatz von digitalen Zwillingen und komponentenbasierten Risiko‑Scores lassen sich Engpässe bereits im Design‑ oder Produktionsstadium erkennen, bevor sie die gesamte Lieferkette beeinträchtigen.

Die Umstellung erfordert zudem eine Anpassung der Beschaffungsstrategie: Statt langfristiger Rahmenverträge mit wenigen Großlieferanten werden vermehrt modulare Verträge mit klar definierten Qualitäts‑ und Lieferkriterien für einzelne Bauteile abgeschlossen. Gleichzeitig wird die Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette erhöht, indem Daten aus Fertigungs‑ und Logistiksystemen in ein zentrales Risiko‑Management‑Tool eingespeist werden. Diese Änderungen führen zu einer stärker vernetzten, aber auch komplexeren Beschaffungslandschaft, in der Entscheidungen auf einer tieferen Ebene getroffen werden.

Was es kostet

Der finanzielle Aufwand lässt sich nicht in einer einzigen Kennzahl ausdrücken, weil er von mehreren Faktoren abhängt. Erstens entstehen zusätzliche Kosten für die Erweiterung von Audits und Zertifizierungen auf Unter‑ und Zwischenglieder der Lieferkette. Zweitens müssen Unternehmen in Software‑Lösungen investieren, die Bauteil‑Risiko‑Scores berechnen und in ERP‑Systeme integrieren. Drittens entstehen höhere Aufwendungen für Schulungen des Beschaffungspersonals, das nun detailliertere Lieferanteninformationen verarbeiten muss. Die Gesamtkosten setzen sich also aus direkten Ausgaben für Audits, Lizenzgebühren für Risiko‑Management‑Tools und indirekten Kosten für Personalentwicklung zusammen.

Einige Unternehmen berichten von Kostensteigerungen im einstelligen Prozentbereich des gesamten Beschaffungsbudgets, konkrete Zahlen werden jedoch nicht veröffentlicht. Im Vergleich zu einer reinen Compliance‑Strategie, bei der nur Hauptlieferanten bewertet werden, entstehen zusätzliche Aufwendungen, die jedoch durch die Reduktion von Lieferunterbrechungen und die Vermeidung von Produktionsstillständen ausgeglichen werden können. Ohne veröffentlichte Zahlen bleibt die genaue Höhe der Investition jedoch variabel und hängt stark von der Komplexität der jeweiligen Lieferkette ab.

Was dabei kaputtgeht

Die Einführung einer komponentenbasierten Risikosteuerung kann bestehende Prozesse und Systeme stark belasten. ERP‑ und Beschaffungssoftware, die bislang nur Hauptlieferanten verwalteten, müssen um Schnittstellen für Bauteil‑Daten erweitert werden, was zu temporären Systemausfällen führen kann. Zudem erfordern die neuen Audits und Zertifizierungen zusätzliche Ressourcen, sodass bestehende Qualitäts‑ und Lieferantenmanagement‑Teams überlastet werden können. Ohne sorgfältige Planung kann es zu Verzögerungen bei Bestellungen kommen, weil die Datenqualität für einzelne Bauteile zunächst nicht ausreichend ist.

Ein weiterer Risikofaktor ist das Training des Personals. Beschaffungsmitarbeiter, die bisher nur mit Lieferantenverträgen auf hoher Ebene gearbeitet haben, müssen nun detaillierte technische Spezifikationen und Risiko‑Scores verstehen. Fehlende Schulungen führen häufig zu Fehlinterpretationen, die wiederum zu Fehlbestellungen oder falschen Lieferantenbewertungen führen können. Auch die IT‑Abteilung ist betroffen, weil sie die Integration neuer Datenmodelle in bestehende Systeme sicherstellen muss, ohne den laufenden Betrieb zu gefährden.

Was ein Wechsel verlangt

Der Umstieg erfordert ein strukturiertes Projektmanagement, das sowohl die Beschaffung als auch die IT‑ und Qualitätsabteilungen einbindet. Zunächst muss ein Governance‑Modell definiert werden, das festlegt, welche Bauteile als kritisch eingestuft werden und wer die Verantwortung für deren Risiko‑Monitoring trägt. Anschließend folgt die Auswahl und Implementierung einer geeigneten Risiko‑Management‑Software, ein Prozess, der je nach Unternehmensgröße zwischen drei und sechs Monaten dauern kann. Parallel dazu müssen Schulungsprogramme für das Beschaffungspersonal entwickelt und durchgeführt werden.

Entscheidungen über Budget, Zeitplan und Verantwortlichkeiten sollten bereits im Vorfeld des Projekts getroffen werden, um spätere Verzögerungen zu vermeiden. Die Beschaffungsleitung muss die strategische Ausrichtung festlegen, während die IT‑Abteilung die technische Machbarkeit prüft und die Integration in bestehende Systeme plant. Die Personalabteilung koordiniert das Training, und die Finanzabteilung stellt die notwendigen Mittel bereit. Insgesamt kann ein vollständiger Wechsel von sechs bis zwölf Monaten in Anspruch nehmen, abhängig von der Komplexität der Lieferkette und der vorhandenen IT‑Infrastruktur.